28.09.2020

Samsonschule - die wechselvolle Geschichte einer jüdischen Schule in Wolfenbüttel

Erinnerungsort


1927 warb die Samsonschule in Wolfenbüttel mit einer Zeitungsanzeige für neue Schüler. Besonders hervorgehoben wurden darin die „kleine“ Klassengröße und die „rituelle“ Verpflegung, d.h. den jüdischen Speisegesetzen folgend. Wenn sich auch in den gut 140 Jahren seit der Gründung der Schule sowohl die religiöse Ausrichtung als auch die pädagogischen Methoden wandelten, so blieb der Gedanke, der zur Gründung der Lehranstalt führte, stets derselbe: jüdischen Kindern Basiswissen zu vermitteln. Wurde dieses in den Anfangsjahren ausschließlich aus einer religiösen Unterweisung gespeist, so veränderte sich mit der europäischen Aufklärung, die durch Moses Mendelssohn auch in das Judentum Einzug hielt, der Bildungskanon zugunsten einer weltlichen Unterweisung in Naturwissenschaften, Grammatik und praktischer Berufsausbildung.

Hatte Leopold Zunz, einer der berühmtesten Absolventen der Samsonschule und späterer Mitbegründer des Reformjudentums, noch beklagt, dass es „keine Schulgesetze, kein Protokoll, gewissermaßen keine Pädagogik“ gab, so bemerkte ein Mitschüler jedoch, dass 1807, zwei Jahre vor Zunz‘ Schulabgang, mit dem Wechsel der Schulleitung ein neuer Wind in die Samsonschule einzog: „Wir sind buchstäblich aus einer mittelalterlichen Zeit in eine neue an ‚einem‘ Tage übergegangen.“ Der neue, aus Braunschweig stammende Schulleiter und Reformpädagoge Samuel Meyer Ehrenberg (1773-1853), zwischen 1789 und 1794 selbst Schüler an der Samsonschule, dem aufklärerischen Gedanken verpflichtet und dem Reformjudentum angehörend, hatte sich zum Ziel gesetzt, seine Schüler für den Besuch weiterführender Schulen zu qualifizieren. Demzufolge wurde der religiöse Unterricht eingeschränkt zugunsten von „Schönschreiben und richtiger Aussprache“. Für die begabten Schüler wurde zudem Griechisch, Latein und Mathematik angeboten. 1807 führte Ehrenberg die jüdische „Konfirmation“ nach evangelischem Vorbild ein. Erster Konfirmand war Leopold Zunz, der von 1810 bis 1815 dann selbst als Lehrer an der Samsonschule tätig wurde, bevor er nach Berlin ging, um dort Philosophie, Philologie und Geschichte zu studieren.

Mit den Jahren wandelte sich die ursprüngliche jüdische Freischule zu einer staatlich anerkannten Realschule, die auch von christlichen Kindern besucht wurde. Zwischen 1846, als Ehrenberg die Schulleitung an seinen Sohn Philipp Ehrenberg (1811-1883) übergab, und 1886 hatte sich die Schülerzahl mehr als verdoppelt. Die Räumlichkeiten in der Harzstraße 12 und den angemieteten Räumen in der Kommissstraße reichten nicht mehr aus, und so entschloss sich die Stifterfamilie Samson, nach der die Schule benannt war, Mittel für den Bau eines neuen Schulgebäudes zur Verfügung zu stellen. 1893 erwarb die Samsonsche Stiftung ein Grundstück am Neuen Weg stadtauswärts Richtung Braunschweig. Auf dem fast ein Hektar großen Gelände wurde ein dreigeschossiger Ziegelbau errichtet, der 1896 feierlich eingeweiht wurde. Im Erdgeschoss des bis heute recht imposanten Gebäudes befanden sich die Klassenzimmer, in der ersten Etage Aula, Bibliothek, Speisesaal sowie Arbeits- und Aufenthaltsräume. Der zweite Stock beherbergte die Schlaf- und Waschsäle der Schüler, eine Krankenstation und eine weitere Bibliothek. In jeder Etage gab es zudem Lehrerzimmer. Für die Körperertüchtigung gab es, ganz im Sinne der zeitgenössischen Turnbewegung, eine Sporthalle. Und gemäß der zionistischen Bewegung, die auch in Wolfenbüttel Einzug hielt, erhielten die Schüler in örtlichen Gärtnereibetrieben eine Zusatzausbildung in Landwirtschaft und Gartenbau, um zu gegebener Zeit Pionierarbeit in Palästina leisten zu können.

Während die Schülerzahlen bis 1919 konstant blieben, nahmen fortan die Zahlen stetig ab. Als Ende 1926 nur noch 81 Schüler in der Samsonschule eingeschrieben waren, sah sich die Schulleitung genötigt, offensiv für die „Realschule mit Schülerheim“ zu werben. Eine neue Besinnung auf das Judentum, die in weiten Kreisen Deutschlands Einzug hielt, machte sich auch die Schule zunutze und warb mit „ritueller Verpflegung“ für die Schüler. Der Erfolg der Werbemaßnahmen der Schule, die ähnliche Konzepte eines Landerziehungsheimes wie Coburg, Haubinda oder die Odenwaldschule vertrat, blieb jedoch aus. Im September 1928 wurde die Schule nach 142 Jahren geschlossen.

Das Gebäude am Neuen Weg wurde seither verschiedentlich genutzt. Ein Jahr nach Schließung der Samsonschule gründete sich die Moses Mendelssohn Stiftung „zur Förderung der Geisteswissenschaften“. Diese Familienstiftung wurde 2004 reaktiviert und greift die einstigen Förderziele in modifizierter Form neu auf, indem aktuell Bildung, Erziehung, Wissenschaft und Forschung auf dem Feld der europäisch-jüdischen Geschichte und Kultur im Fokus stehen. Neben der Förderung von Projekten der Moses Mendelssohn Akademie in Halberstadt und dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam baut und betreibt die Stiftung Studentisches Wohnen. Über 20 Studierendenapartments in ganz Deutschland und Österreich existieren unter dem Label SMARTments student. Jedes Haus wird nach einer Person benannt, die in einem jüdischen Kontext steht. Das durch die Mendelssohn Stiftung verantwortete Projekt „Quartier Samsonschule“, das das ehemalige Schulgebäude künftig mit etwa 150 studentischen Apartments einschließt, will sich dem Gedenken der Gründer der Samsonschule sowie deren Lehrern und Schülern (neben den schon genannten beispielsweise Emil Berliner, Jakob Freudenthal, Isaak Markus Jost, Samuel Spier oder Werner Scholem) widmen. Im Erdgeschoss des Gebäudes, wo einst die Klassenzimmer untergebracht waren, wird ein Gedenkort eingerichtet, in dem neben einer Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohner auch Wechselausstellungen (beispielsweise zur Geschichte des Reformjudentums oder der Landerziehungsbewegung) und Veranstaltungen verschiedenster Formate angeboten werden. Ganz im Sinne der Pädagogen der Samsonschule gilt auch hier das Mendelssohnsche Motto: „Nach Wahrheit forschen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun – das ist die Bestimmung des Menschen“.