15.01.2020

„…ein Teil von jener Kraft…“

Ausstellung


Eröffnungstermin: 15. Januar 2020, Rathaus Berlin-Charlottenburg

„…a tayl fun jener kraft“ Jiddische Übersetzungen deutscher Klassiker in den Archivbeständen Osteuropas. Ein Ausstellungsprojekt

„Die Ostjuden kommen aus Rußland, wo sie keine gute Zeit gehabt haben. Wenn dort einer bildungsbeflissen war, und das waren nicht wenige von ihnen, und er streckte den Kopf über den Talmud heraus, so las er Goethe. Er las Schiller. Er las Kant und Schopenhauer. Sie sprachen ohnehin jiddisch, von da ist es nicht weit bis zu deutsch. Und wenn einer von ihnen begann, sich der westlichen Kultur zu nähern, so war es die deutsche Kultur.“ Diese Einschätzung äußerte der ehemalige Redakteur des Berliner Tageblatts, Rudolph Olden (1885-1940), in den frühen 1930er Jahren. Und in der Tat, das Interesse an der deutschen Literatur war groß innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Osteuropas.

Aber welche Autoren waren damals bei der jiddischsprachigen Bevölkerung besonders beliebt? Und wer hat ihre Bücher ins Jiddische übersetzt und herausgegeben? Eine aktuelle Ausstellung des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam will genau diesen Fragen nachgehen.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren es längst nicht mehr nur religiösen Schriften, die eine breite jiddischsprachige Leserschaft rekrutieren konnten, es waren Schriftsteller wie beispielsweise Sholem Aleichem (1859-1916) und Mendele Moicher Sforim (1836-1917), die jene identitätsstiftende „Jiddischkeit“ beflügelten und die Bedeutung der eigenen Sprache kulturell wie politisch hervorhoben. Die sich formierende Arbeiterbewegung wurde zum politischen Sprachrohr einer jiddischen Kulturbewegung und das Jiddische avancierte über die reine Alltagssprache hinaus zum Merkmal einer „Wir-Identität“. Dies zeigte sich nicht zuletzt in der Czernowitzer Sprachkonferenz von 1908, bei der es unter anderem darum ging, das Jiddische zur „nationalen Sprache des jüdischen Volkes“ zu erheben, wofür sich der Organisator der Konferenz, der Wiener Publizist und vormalige Zionist Nathan Birnbaum (1864-1937), massiv einsetzte.

In der Folge setzte ein wahrer Boom an Übersetzungen der Weltliteratur ins Jiddische ein. Neben der Belletristik wurden aber auch technische und naturwissenschaftliche Werke aus verschiedenen Sprachen übertragen. Nicht zu vergessen die politischen Ikonen der Arbeiterbewegung, Marx und Engels, die an verschiedenen Verlagsorten gleichzeitig publiziert wurden.

Neben der Frage, welche deutschen Klassiker ins Jiddische übertragen wurden, werden in der Ausstellung auch die Verlage und vor allem die Übersetzer der Werke ins Blickfeld gerückt. Denn es ist durchaus bemerkenswert und kaum bekannt, dass beispielsweise Thomas Manns „Zauberberg“ von keinem geringeren als Isaac Bashevis Singer, dem bislang ersten und einzigen jiddischsprachigen Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis (1978) verliehen bekam, 1930 ins Jiddische übersetzt wurde.

Im Jahre 1928 veröffentlichte Anna Seghers ihren ersten Roman „Aufstand der Fischer von St. Barbara“. Drei Jahre später erschien bereits eine jiddische Übersetzung. Diese Ausgabe fand sich beispielsweise in der Nationalbibliothek von Odessa, wo viele weitere Schätze geortet werden konnten – unter anderem jiddische Ausgaben von Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine, August Bebel, Johannes R. Becher, Erich Maria Remarque, Karl Marx, Lion Feuchtwanger. Die Ausgabe von Heines „Deutschland – Ein Wintermärchen“ (Daytshland. A vinter-mayse) aus dem Jahr 1936, mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren, war 82 Jahre nach Erscheinen noch immer wie neu, was wiederum daran liegen mag, dass es dort seit Erscheinen nie ausgeliehen wurde.

Abbildungen: Nachweis der jiddischen Ausgabe von Lion Feuchtwangers „Der falsche Nero“, Warschau 1938, im Bestandskatalog in der Nationalbibliothek von Odessa